ROSSANA ROSSANDA
aus:” il manifesto” quotidiano
comunista 22 Settembre 2001, S. 1
Entweder ihr seid für mich oder ihr seid für bin Laden,
schreit Bush, während er sich anschickt Afghanistan, Taliban, Nicht-Taliban und
Volk inbegriffen, zu bestrafen. Ich kenne die Erpressung. Da mache ich nicht
mit. Ich trete nicht für Bush ein, und ich überlasse es den Törichten, daraus
abzuleiten, dass ich für bin Laden bin. Ich möchte vernünftig reden über das,
was geschehen ist, über das, was geschehen kann und was zu machen ist.
Der 11. September war kein Krieg.. Kriege führen Nationen.
Es war ein terroristischer Akt und er weist all dessen Kennzeichen auf: der
Vorrang des Symbols, das unerwartete Zuschlagen, die Geheimhaltung der Täter,
die Verknüpfung von Mord und Selbstmord, alles dazu bestimmt, die Panik zu
vervielfältigen. Der Terror hat als erstes Ziel den Terror. Nicht alle der
vielen Attentate der Geschichte sind terroristisch, aber dieses ja: Wer es
ausgeführt hat, kannte das Ziel, seine Schwachstellen vom Himmel aus, die
sichere Verbreitung in den Medien. Dank derer sind die beiden Türme nicht
einmal, sondern zehntausend Mal auf den Bildschirmen eingestürzt, und sie
trugen zu dem Geschrei bei: Es ist Krieg, auf zum Krieg. Die Attentäter hatten
das sicher mit einkalkuliert.
Es war keine Apokalypse. Nicht in der ursprünglichen
Bedeutung einer enormen Vernichtung: Andere schwerere Vernichtungen sind in den
letzten zehn Jahren aufeinander gefolgt. Aber wir haben sie nicht als Apokalypse
bezeichnet: die hundertfünfzigtausend Niedergemetzelten in Algerien, die
siebenhunderttausend von den Hutu getöteten Tutsi, die dreihunderttausend im
Irak von der Operation „Wüstensturm“ Erschlagenen und die halbe Million Kinder,
die, wie es heißt, durch das Medikamenten-Embargo sterben. Schon gar nicht die
fünfunddreißigtausend Toten in der Türkei und siebzigtausend in Indien, allein
im Jahr 2001. Also einige Massaker wiegen wie Berge, andere wie Federn? Wenn es
nicht korrekt ist, ein Ereignis nur an der Zahl seiner Opfer zu messen, so ist
es ebenso wenig erlaubt, es nur daran zu messen, welche Wunde der Vorstellung,
die der Getroffene von sich hat, zugefügt worden ist, in diesem Fall den
Vereinigten Staaten. Noch wirrer ist eine andere Anleihe aus der Apokalypse:
der Endkampf zwischen der Bestie und dem Lamm. Das Gute sind wir, die Bestie
sind sie. Das hat Bush gesagt und hinzugefügt „Gott ist mit uns“.
Es ist nicht ein Angriff des Islam auf die Christenheit
gewesen, wie anfangs gesagt wurde. Später hat man sich aus der Verlegenheit
gezogen: Es ist nicht der Islam, sondern der islamische Fundamentalismus, der
auf den christlichen Westen einschlägt. Aber der Islam ist ein Ozean und
aufzuzeigen, dass er fundamentalistische Strömungen hat, ist ebenso leicht wie
jene des Christentums und Judentums aufzuzeigen. Jedenfalls ist Ariel Sharon
nicht „die Juden“, Pius XII war nicht „die Katholischen“ und auch der dumme
Bush ist nicht „die Amerikaner“, auch wenn sie die ernannten Führer jener Lager
waren oder sind. Böse Polemik, Verwirrung. In Wahrheit lässt nichts darauf
schließen, dass der Angriff auf die beiden Türme der Christenheit galt, ich
bezweifele, dass es ein Angriff auf die Demokratie ist, und sicher ist es
keiner auf die Welt der Waren und des Handels, gegen die niemand im Islam, auch
nicht die Taliban, etwas hat. Wer zugeschlagen hat, hat die Arroganz der
Vereinigten Staaten im Mittleren Osten treffen und die verbündeten arabischen
Staaten in Schwierigkeiten bringen wollen.
Es ist keine Rache der Armen gewesen. Der Islam spricht
nicht von der sozialen Frage, aber ohne das können die Armen nur eine Art
Bauernaufstand machen. Der Angriff auf die zwei Türme ist alles andere als ein
Bauernaufstand. Den Dschihad leiten nicht die Armen, noch ist er für die Armen;
der Dschihad geht durch den ganzen Islam, (noch) ohne einen eigentlichen Status
zu haben und er setzt auf Verzweiflung, Unwissenheit und Unterdrückung der
Massen, deren Zustimmung die arabischen Diktaturen notwendig brauchen. Die
zwingt er, den Stein zu werfen und die Hand zu verbergen. Der Dschihad wird von
politischen und Finanzpotentaten geschürt, die das Funktionieren und die Mittel
der „States“ kennen. In diesem Sinne ist Osama bin Laden, Saudiarabier,
ehemaliger Agent der CIA, ein Modellfall. Er kommt aus einer Familie, die seit
1940 die stärkste Bau- und Transportgruppe Saudi-Arabiens ist und teil hat an
Elektrizitätsgesellschaften (an Rihad und La Mecca, an Cipro und in Kanada), an
Erdöl, Elektronik, Import-Export, Telekommunikation (Nortel und Motorola) und
Satelliten (Iridium). Familie und Saudi-Arabien haben Osama mit zwei Milliarden
Dollar ausgestattet, die er an den Börsen und in den Miriaden von
off-shore-Gesellschaften der Seinen verwaltet. Und er fördert die islamischen
Nichtregierungsorganisationen Relief und Blessed Relief [Gesegnete Erlösung].
Das sind „sie“, das Böse, gegen das wir uns erheben, wir,
das Gute. Es sind jene, die die Vereinigten Staaten in Afghanistan und im
Mittleren Osten glaubten benutzen zu können und die sich heute gegen sie
erheben. Es ist ein Kampf um die Vorherrschaft in jener Operationszone. Es ist
schon unangenehm für Bush, dass die Saudis die größten Finanziers des Dschihad
sind, aber Saudi-Arabien ist das Land, das am engsten mit den amerikanischen
Interessen verbunden ist.
Die eigentliche Frage ist: Warum jetzt? Bis vor zehn Jahren
war der Dschihad noch nicht so stark und bis vor zehn Tagen agierte er nur
innerhalb des Islam, orthodoxer Flügel gegen die „Abweichungen“, Algerien ist
das blutigste Beispiel. Solange der Westen davon nicht berührt war, kümmerte er
sich in keiner Weise darum, er gab den Geschäftsbeziehungen den Vorrang, er
fragte nicht danach, ob sie Massenmörder oder Fundamentalisten seien, die
Besitzer des Gases für Europa, der Waffen gegen die Sowjetunion. Man kümmerte
sich nicht darum, als in den letzten Jahren, unter den Augen aller,
Fundamentalisten jeglicher Herkunft zusammenströmten, um sich in Afghanistan
auszubilden. Aber man musste doch wahrnehmen, wie der Dschihad große Ausmaße
annahm, seit der Mittlere Osten aufhörte zugleich gelähmt und gedeckt zu sein
durch die Abschreckungswaffen der beiden Supermächte. Eine von ihnen ist allein
auf dem Schlachtfeld geblieben, die Vereinigten Staaten. Die haben ihre
Interessen wahrgenommen, sind Anstifter und Finanziers aller Konflikte des
Bereichs geworden. Nicht einmal der scharfsinnige Noam Chomsky [War Against
People. Menschenrecht und Schurkenstaaten. Hamburg 2001] erinnert sich,
dass vor 1989 ein Krieg im Golf undenkbar gewesen wäre. Und daran, dass, wer in
den Emiraten die „States“ gerufen hat, seit langem nicht schätzt, dass sie so
dickfellig dort bleiben. Die arabische Welt schätzt es nicht, dass die USA vom
Irak Achtung vor den UN-Resolutionen fordert, aber nicht von Israel (und dazu
bedürfte es keines Krieges). Mit dem Fall der UDSSR und dem gelegentlichen und
ungleichen Bündnis zwischen arabischen Führungen und Pentagon ist der Dschihad
schließlich gewachsen, indem er sich irgendeiner weltlichen Vision von Erlösung
für jene Bevölkerungen annäherte. Nationalismus, Fundamentalismus, sehr
konkrete Interessen von einigen und Verzweiflung von vielen hat aus dem
Dschihad die explosive Mischung gemacht, die er heute ist.
Handlungen und Reaktionen der Vereinigten Staaten haben ihm
den Boden bereitet, und die sinnlose Reaktion von Bush wird ihn noch weiter
wachsen lassen; Bush, der viele in Afghanistan in Stücke hauen wird, nicht bin
Laden, und es nicht wagen wird einzumarschieren: Die Russen haben ihm erklärt,
dass er das nicht schaffen würde. Aber er wird Kabul rundum bombardieren und,
gewohnheitsmäßig, Bagdad. Wer von uns geglaubt hat, dass die kapitalistische
Angleichung aus den USA ein Imperium machen würde – und sei es auch noch
unkultivierter als jenes, das schon Tacitus missfiel -, ein Imperium, das in
objektiver Weise angleichen und vermitteln würde, der hat sich getäuscht. Sie
gehen noch arroganter als Frankreich und England vor, die die Region mit der
Axt geteilt hatten. Und das noch dazu in Zeiten, die demjenigen, der sich
erniedrigt und beleidigt fühlt, Mittel und Wissen bieten, um denjenigen, der
ihn erniedrigt und beleidigt, zu destabilisieren.
Nichts ist dümmer gewesen als den Terrorismus hochzuziehen und zu glauben sich seiner bedienen zu können. Er ist uneinnehmbar und wird es solange bleiben, bis er die Zustimmung in seinem eigenen Bereich verloren haben wird. Aber er wird sie sicher nicht verlieren, während Bush Afghanistan bombardiert. Im Gegenteil, mit dieser Aktion werden die Vereinigten Staaten auch die Unterstützung der arabischen Staaten verlieren, die noch Freunde sind. Der arabische Zusammenschluß hat schon eingesetzt. Bush begibt sich in einen Krieg, von dem er nicht lassen wird, weil er ihn seinen Mitbürgern versprochen hat, denn die wollen ihn auch zu 92%: Aber er wird die arabischen Staaten nicht auseinanderbringen, und das Rachepotential des Dschihad wird wachsen. Der einzige Krieg, den er zu gewinnen vermag, ist der bei sich zu Hause gegen die so sehr gepriesene „offene Gesellschaft“: fataler Effekt des Notstands. Er läuft Gefahr von neuem geschlagen zu werden, auf keiner Seite zu gewinnen und nach und nach die Zustimmung zu verlieren, die die Erschütterung des 11. Septembers ihm eingebracht hat.
Es gibt nicht wieder gutzumachende Fehler.
Europa merkt das, unterstützt ihn, distanziert sich davon,
unterzeichnet schändliche Vereinbarungen mit der NATO und tüftelt dann über den
Artikel 5. Es will seine jungen Wehrpflichtigen nicht in die afghanischen Berge
schicken und es sich weder mit den Muslimen verderben, die man bei sich im Land hat, noch mit dem
Mittelmeer, wo das Italien der Zweiten Republik – nebenbei bemerkt – noch
weniger Politik macht als vorher.
Auch wir müssten uns bewusst machen, dass wir ebenfalls
zwischen Schwert und Mauer eingeklemmt sind, weil jede Gelegenheit recht ist zu
versuchen, das bisschen links, was übrig ist, zu massakrieren. Auch wir haben
unsere Verfehlungen, und seien es auch nur Unterlassungen. Pintor [Luigi
Pintor, Autor und Journalist] schreibt, dass wir nicht gefasst waren auf das,
was geschehen ist: Das stimmt. Aber es spricht nicht für uns. Wie die USA haben
wir auf uns selbst geschaut und nicht auf die Welt, wo doch nichts verborgen
war. Indem wir uns die Asche der Kommunismen aufs Haupt gestreut haben, haben
wir aufgehört zu schauen, wer in materielle Bedingungen verstrickt war, noch
fürchterlicher als unsere. Nehmen wir Palästina: Ein verworrener Zustand lässt
die Linke schwanken zwischen einem Schuldgefühl den Juden gegenüber,
Aufwallungen von Antisemitismus und, wie Mannheimer entdeckt hat: Wir wünschten
uns so sehr, dass die Palästinenser aufhörten sich zu erheben. So schwer ist
das Gewicht des Scheiterns der realen Sozialismen, dass einige von uns sich
eingeredet haben, dass nichts zu machen sei - das Schlechte ist in der Welt und
die Welt ist schlecht - während einige andere sich etwas vormachen mit
revolutionären Tugenden archaischen Typs, die uns lobenswert erschienen, weil
antimodern, alle haben sich in sich selbst verstrickt, zwischen Degeneration
und Lähmung.
Jetzt legen uns die Ereignisse die Rechnung vor und wir
müssen einstehen für das, was wir sind. Wir sind nicht alle Amerikaner – ich
zumindest bin es nicht. Ich schätze die neoliberalen „Werte“ nicht, die die
Vereinigten Staaten durchsetzen, ich empfinde die Trauer ihrer Bürger mit, aber
mir gefällt nicht, dass sie glauben für die Folgen dessen, was ihr Land macht,
nicht verantwortlich zu sein. Wird man mich eine Antiamerikanerin nennen? Ja,
ich bin es, und ich wundere mich, dass viele Freunde, die es in der
Vergangenheit mehr waren als ich, so sehr zögern, es zu sein. Ich meine, dass
die Vereinigten Staaten immer noch eine imperialistische Politik betreiben, die
andere Völker verletzt und die sich gegen sie selbst wenden wird: Ich bin
Antiimperialistin - noch ein Wort, das verpönt ist.
Die Wahrheit ist, dass wir schwach sind. Aber das spricht
uns nicht davon frei, nein zu sagen. Bush ist ein gefährlicher Verrückter, er
wir nicht den Dschihad treffen, sondern viele Leute ohne Schuld, und er wird
die Vereinigten Staaten dahinbringen, die Welt zu belagern und von ihr belagert
zu sein.
Übersetzt von Regine Wagenknecht